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Voids, eine Retrospektive

13. September – 11. Oktober 2009

Art & Language, Robert Barry, Stanley Brouwn, Maria Eichhorn, Bethan Huws, Robert Irwin, Yves Klein, Roman Ondák, Laurie Parsons
Kuratiert von John Armleder, Mathieu Copeland, Mai-Thu Perret, Clive Phillpot, Gustav Metzger in Zusammenarbeit mit Phillippe Pirotte

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Mit der Ausstellung Voids, eine Retrospektive bietet die Kunsthalle Bern ihren Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, ein entscheidendes Kapitel der Kunstgeschichte zu erleben und zu erkunden. Im Gefolge von Yves Kleins Ausstellung in der Galerie Iris Clert im Jahre 1958 wurde der leere Raum zu einem stets wiederkehrenden künstlerischen Motiv. Diese chronologische Retrospektive vereint neun leere Ausstellungen von Yves Klein, Art & Language, Robert Barry, Robert Irwin, Stanley Brouwn, Bethan Huws, Maria Eichhorn und Roman Ondák.
Yves Kleins symbolträchtige Ausstellung The Specialization of Sensibility in Raw Material State into Stabilized Pictorial Sensibility aus dem Jahre 1958, die später nur noch als „die Leere“ bekannt war, gilt gemeinhin als Wendepunkt in der Geschichte der modernen Kunst. Der leere Raum, der als solcher ausgestellt wird, wurde durch diese Ausstellung zu einer Art Klassiker der radikalen Geste. Er wurde sodann in anderen Kontexten und an anderen Orten und in anderen Epochen durch andere Künstler, die ähnliche oder ganz andere Intentionen hatten als Klein, neu gestaltet und aktualisiert.
Der Grundsatz der Retrospektive in der Kunsthalle Bern ist es, ausschliesslich Ausstellungen zu präsentieren, in denen der Raum konsequent leer belassen wird, ohne Hinzufügung oder Subtraktion jeglicher Elemente. Das schliesst beispielsweise alle Ausstellungen aus, die auf Modifikationen der Beleuchtung, Geräuschkulissen, dem Hinzufügen von Trennwänden oder dem Ausschluss des Publikums beruhen. Es ist ausserdem nicht das Ziel der Ausstellung, den ursprünglichen Zustand des Raums zu ‚rekonstruieren’. Statt einer Repräsentation der historischen Leere durch die Künstlerinnen und Künstler strebt die Retrospektive – in enger Zusammenarbeit mit den Künstlern bzw. den Nachlassverwaltern – eine Analyse der Leere selbst an, und nicht der Architektur, welche die Leere beherbergte.
Zudem sind alle Formen der historischen Dokumentation, auch alle Arten von Erinnerungsgegenständen, die einen Bezug zu den ursprünglichen Ausstellungen aufweisen (also beispielsweise Poster, Photographien, Einladungskarten, Photo-Dokumentationen, Zeitungsartikel oder Originaltexte), von der Ausstellung ausgeschlossen; alle diese Elemente sind im Katalog enthalten, der parallel zur Retrospektive publiziert wird und von den Kuratoren John Armleder, Mathieu Copeland, Mai-Thu Perret, Clive Phillpot, Gustav Metzger in Zusammenarbeit mit Laurent Le Bon und Philippe Pirotte realisiert wurde.
Jede Leere bietet eine andere Interpretation des leeren Raumes und repräsentiert vielleicht etwas wie einen Anspruch auf, eine Entsagung an oder gar eine Feier des musealen Raums. In der Kontemplation der Leere wird man mit dem Nichts konfrontiert, der Abwesenheit aller Dinge, mit dem Unsichtbaren und Unbeschreiblichen, mit Destruktion und Negation. VOIDS werden einfach als das angeboten, was sie sind und was sie zulassen. Diese Akkumulation leerer Räume, die einander gleichen, aber in Wahrheit enorm verschieden sind, zeitigt Resonanzen und Implikationen jenseits der Mauern des Museums. Die Retrospektive ist mehr als eine radikale und konzeptuelle Ausstellung. Sie fungiert als Einladung, auf sehr physische Weise die verschiedenen Texturen eines jeden Raumes zu erforschen und zu erleben. Die Besucherin trifft die leeren Ausstellungen in der Kunsthalle im Jahr 2009 genau vierzig Jahre nach Harald Szeemanns legendärer Ausstellung Wenn Attitüden Form werden an, die dieser als Direktor der Kunsthalle Bern kuratierte. Es waren Ausstellungen wie diese, welche dieser Retrospektive den Weg bahnten, und man darf sich vorstellen, dass in der Leere die Attitüden tatsächlich und im Wortsinn Form annehmen.
Diese Ausstellung vereint die Arbeiten verschiedener Künstlerinnen und Künstler, welche diese extreme Geste unternommen haben – auszustellen, ohne ein Objekt zu zeigen, ohne eine Intervention zu tätigen, abgesehen von einer einzigen Ankündigung. Die Retrospektive beginnt mit Yves Kleins Ausstellung von 1958 und untersucht sodann, wie die leeren Ausstellungen verschiedene Arten von Leere definierten: Bald, wie bei Klein, als Mittel, um Empfindsamkeit zu signalisieren, bald, wie in Robert Barrys Some places to which we can come, and for a while be free to think about what we are going to do (Marcuse)’ (1970) als Höhepunkt einer konzeptualistischen oder minimalistischen Praxis. Manchmal wurde die Leere auch als Wunsch definiert, unser Verständnis des Ausstellungswesens und von Ausstellungsräumen zu erforschen, so zum Beispiel in der Air Conditioning Show (1966-67) von Art & Language oder im Fall von Robert Irwins Experimental Situation (1970) als ‚Auswertung’ eines Raums und als Postulat, dass es so was wie ein „nichts“ gar nicht gibt. Die Leere wurde zuweilen auch als Bedürfnis verstanden, eine Institution zu leeren und sich auf die Erfahrung des ‚Hindurchlaufens’ zu konzentrieren, so bei Stanley Brouwn oder auch in Laurie Parsons Ausstellung in der Lorence-Monk Gallery in New York im Jahr 1990. Parsons kündigte diese Ausstellung mit einer Karte an, auf die nur eine Adresse gedruckt war, ohne Daten und ohne den Namen der Künstlerin, sodass der totale Rückzug der Künstlerin durch die Karte angekündigt wurde. Andere Künstler verstanden die Leere als Bestätigung der Annahme, dass man in einen Raum kein Kunstwerk einzuführen braucht, da es ‚schon da’ sei. Diese Auffassung wird beispielsweise in Bethan Huws Haus Esters Piece (1993) vertreten. Oder auch in Maria Eichhorns Das Geld der Kunsthalle Bern: Die Künstlerin zeigte 2001 aus reiner Notwendigkeit eine leere Kunsthalle und stellte ihr Ausstellungsbudget für eine Renovation des Museums zur Verfügung. Zuweilen ist die Leere auch ein Mittel, uns daran zu erinnern, dass der wichtigste Aspekt jeder Leere die Idee von Vertrauen und Glauben ist, so zum Beispiel in Roman Ondak’s More Silent Than Ever (room fitted with eavesdropping devices)_(2006), einem Werk, welches das Publikum täuscht, indem es die Besucher glauben macht, dass mehr im Raum ist, wo doch nichts da ist.
In dieser Hinsicht – von der Suche nach einer Erneuerung der Wahrnehmung, über politische und ideologische Statements, bis hin zur Dekonstruktion des Prinzips ‚Ausstellung’ – stellen alle diese Ausstellungen eine Reihe entscheidender Fragen zur Rolle der Institution. Diese noch nie dagewesene Versammlung eloquenter Leeren in der Kunsthalle Bern repräsentiert eine echte Herausforderung für die Institution.
Zu einer beispiellosen Ausstellung gehört ein einzigartiges Kuratorenteam. VOIDS, EINE RETROSPEKTIVE ist sowohl eine Ausstellung im traditionellsten Sinne als auch ein eigenständiges Kunstereignis. Es wurde realisiert durch John Armleder, der sich schon immer für nichts interessierte, Gustav Metzger, einer Schlüsselfigur in auto-destruktiver Kunst, Mai-Thu Perret, einer jungen Konzeptkünstlerin, Mathieu Copeland, einem Kurator, der die Grenzen von Ausstellungen erprobt, dem Autor Clive Phillpot und Philippe Pirotte, dem Direktor der Kunsthalle Bern.
Als Begleitereignis zur Retrospektive in der Kunsthalle Bern wird das Museum Haus Lange in Krefeld während einer Woche vollkommen leer und der Öffentlichkeit zugänglich sein, dies als Einladung, Yves Kleins „Raum der Leere“ zu besuchen, eine permanente Leere, die 1961 realisiert wurde.
Auf dem Begleitprogramm stehen unter anderem ein Performanceabend mit Ben Vautier, eine Filmvorführung, die von Stuart Comer kuratiert wird, eine Hör-Sitzung von Francis Baudevin und Absenz – (K)ein Konzert – ein Konzert vom Ensemble Neue Horizonte. Für mehr Informationen zu Daten und Orten und allen diesen Events besuchen Sie bitte www.kunsthalle-bern.ch.
Voids, eine Retrospektive wurde vom Centre Pompidou in Paris und der Kunsthalle Bern koproduziert.