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The Conspiracy / Die Verschwörung

1. August – 6. September 2009

Giro Annen, Nino Baumgartner, John Divola, Chris Evans, Dora Garcia, Gerard Hemsworth, Raphaël Julliard, Martin Möll, Annina Matter, Corey McCorkle, Camille Norment, Annaïk Lou Pitteloud & Steve van den Bosch, Bradley Pitts, David Renggli, Ana Roldán & Falke Pisano, Narcisse Tordoir, Allan Uglow, Xu Zhen

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The Conspiracy / Die Verschwörung vereint Arbeiten lokaler und internationaler Künstlerinnen und Künstler, deren partizipative, provokative oder hermetische Kommunikationsstrategien durch ein gut beobachtetes, durchdachtes und manchmal auch perverses Spiel mit Interpretation, sowie Bedeutung und Bedeutsamkeit motiviert sind. Da mehrere Künstlergenerationen vertreten sind, treffen zusätzlich unterschiedliche Vorgehensweisen öffentlicher Interaktion aufeinander. The Conspiracy / Die Verschwörung bildet eine Untersuchung der Wahrnehmung und Rezeption von Kunst im öffentlichen Diskurs und sucht nach Strategien, mit denen Künstlerinnen und Künstler Bezüge zu den verschiedenen Verstehensmustern des Publikums aufbauen. Die Ausstellung findet zu einem Zeitpunkt statt, da Kunstinstitutionen im Spannungsfeld zwischen einer auf das Publikum ausgerichteten Ausstellungspolitik oder einer kunstfokussierten Herangehensweise navigieren müssen. Die Ausstellung zeigt sowohl die Brückenschläge als auch Verweigerungen auf, die die Künstler gegenüber der Öffentlichkeit konstruieren.
Als Grundcharakteristikum eines kulturellen Objekts wird dessen (angebliche) Signifikanz oder ‚Bedeutung’ jenseits seiner Materialität angesehen, weswegen die Kunst sich oftmals legitimieren und eine ‚Daseinsberechtigung’ suchen muss. Das Bewusstsein einer strukturellen Differenz zwischen dieser ‚Bedeutung’ und der materiellen Anschaulichkeit eines Kunstwerks ist mittlerweile Teil unserer Wahrnehmung der Welt und ihrer Repräsentationen geworden. Dies gibt der Folgerung Raum, die Bedeutung’ kultureller Objekte als etwas Beliebiges, Arbiträres zu betrachten. Häufig wurde die Kritik geäussert, dass der Betrachter zum Narren gehalten werde und die moderne und zeitgenössische Kunst wurde dem Verdacht ausgesetzt, dass die ‚Bedeutung’ von Kunst gleichsam das Ergebnis einer Verschwörung sei, jedoch keine Tatsache. Dieser ‚Verdacht’ ist so alt wie die Avantgarde, doch war es Jean Baudrillard, der die Kunstwelt mit seinem Text Le Complot de l’Art erzürnte, welcher 1996 in der französischen Zeitung Libération erschien. In seinem Artikel behauptet Baudrillard, dass Kunst überall existiere, nur nicht in der Kunst, und dass die Kunstwelt nur noch insider trading betreibe (eine Praktik, in der ein Insider oder eingeweihter Akteur auf der Basis rechtserheblicher und öffentlich nicht zugänglicher Informationen, die er oder sie sich während der Berufsausübung verschaffte, an den Märkten handelt). Baudrillard ist zudem besorgt, dass die nahe und fast schon bedrückende Beziehung zwischen Künstler und Konsument, die Obszönität der Interaktivität, sowie der Mangel an formalen Unterschieden zwischen Kunst und Wirklichkeit der Kunst geschadet haben.
Baudrillard zufolge hat die Kunst – wie die Pornographie – jegliche Sehnsucht nach Illusion verloren; stattdessen beschränkt sie sich auf Rückkoppelung, auf konstante Selbstreflexion und hat ihr eigenes Verschwinden zu einer Art Kunstform gemacht. Für Baudrillard schwebt die Kunst zwischen ästhetischer Bedeutungslosigkeit und kommerziellem Rausch; er bezeichnet sie als transästhetisch: eine Pornographie der Transparenz, die man nur mit Ironie und Indifferenz erfahren kann. Darüber hinaus stellt Le Complot de l’Art mit Nachdruck den privilegierten Zustand der Kunst in Frage, der ihr durch die Autoritäten der Kunstwelt zugewiesen wird.
Baudrillards Ideen waren vor 20 Jahren en vogue. Er sucht eine Kunsterfahrung, die frei von der Mediation durch Kuratoren und Galeriebesitzer ist; sein Ruf nach Distanz und sein Appell an die Eigenheiten der Kunst – seine Forderung nach Abgrenzung – werden heute von populistischen Politikern (die Kunst-Events favorisieren) und Kulturmaklern als eines der Hauptmerkmale einer Verschwörung der Kunst kritisiert.
Mit ihren abseits der alltäglichen Verständigungsmittel angesiedelten Kommunikationsformen und ihrem Widerstand gegen die konventionellen Gepflogenheiten der Sinnerzeugung, scheint Kunst den Betrachter von der Erkenntnis fernhalten zu wollen. Mehrdeutige Mitteilungen und nicht zuenträtselnde Undurchsichtigkeiten werden heutzutage als hochverdächtig angesehen, da allgemeinhin von Kunstwerken erwartet wird, in eine öffentlich diskutierbare Form zu bringen, was sonst ignoriert, übergangen oder aus dem politischen Vorgängen verbannt wird.
Wie schon Jacques Rancière schrieb, wird Kunst nicht deshalb politisch, weil sie soziale Strukturen, Konflikte, oder Identitäten verschiedener gesellschaftlicher Gruppen repräsentiert. Kunst ist vielmehr politisch wegen der grossen Distanz, die sie zu solchen Funktionen einnehmen kann, und zwar durch die Zeitlichkeit und den Raum, die sie konstituiert, und durch die Art, wie sie sich die Zeitlichkeit zurechtschneidert und den Raum besiedelt. Was der Kunst ‚eigen’ ist, gemäss Rancière, besteht in jener materiellen und symbolischen Reorganisation des kollektiven Verhandlungsraumes. Hierbei ist sie bestrebt, eine Divergenz innerhalb dieses gemeinschaftlichen Raumes zu erzeugen, der immer wieder neu gebildet werden muss.
Die Ausstellung versucht eine Poetik der Verschwörung zu erstellen, wie sie der umstrittene anarchistische Essayist Hakim Bey vorschlug: “Eine Verschwörung kann wie ein ästhetisches Konstrukt behandelt werden, wie eine Sprachschöpfung, die man wie einen Text analysieren kann.” Mit ihrer paradoxen Mischung aus Präzision und Vieldeutigkeit kann die Kunst die manipulative Zugänglichkeit der Massenmedien entlarven und als fiktive Verschwörung eine Gegenöffentlichkeit herstellen. Vielleicht funktionieren Ausstellungen im Verhältnis zu den Massenmedien wie Piratenutopien, kleine geheime Inseln die von Freibeutern als Lager gebraucht wurde und jenseits der Reichweite von Staatsgebiet und Gesetz lagen und die einen mentalen und emotionalen Bedeutungsraum unabhängig von konventionellen Relevanzzuschreibungen eröffnen. Als eine Darbietung starrköpfiger Autonomie gegen die Anzeichen des Verstehens und als die Durchsetzung eines kritischen Ortes gegen die instrumentalisierte (praktische, funktionale, ökonomische ) Rationalität, kreiert eine Ausstellung einen neuen Bereich des Augenblicks, möglicherwies in komplizitärer Verkleidung, auf der Begrenzung bestehender Gebiete.
The Conspiracy ist Teil einer Serie von Gruppenausstellungen, die in den letzten Jahren in der Kunsthalle Bern stattfanden Off Key (2005), Pre-Emptive (2006), A Fantasy for the Moment_(2007) und _You Don’t Have to Understand Everything We do to Profit From It (an der diesjährigen Kunsmesse Liste in Basel) und die sich scheuen, ihre Existenz gegenüber praktischen Forderungen der gegenwärtigen ökonomischen und sozio-politischen Bereiche zu begründen und entschlossen in das, was Betrand Russel als “Nutzloses Wissen” bezeichnet, investieren.