Logo

Im Zentrum von Deimantas Narkevičius Werk steht die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der kommunistischen Staaten, die er mit Hilfe von gefundenem Filmmaterial und autobiografischen Erzählungen untersucht. Seine Filme sind Reflexionen über spezifische Tatsachen und historische Seltsamkeiten, meist mit indirekten Bezügen zu der Erfahrung des real existierenden Sozialismus in Litauen und anderen Ländern im sowjetischen Nachkriegseuropa.
Für sein Interesse an Geschichte führt Narkevičius biografische Gründe an. Die Umstürze, die mit dem Fall der Mauer Litauen prägten, hinterliessen ein Vakuum an Visionen. Der kommunistische Staat existierte für Narkevičius ausserhalb der westlichen Geschichtsvorstellung, da es sein erklärtes Ziel war, die neue Gesellschaft zu erschaffen, die – wenn dies einmal erreicht ist – ewig wäre. Mit dem Ende des kalten Krieges wurden die Bürger Litauens in das Geschichtsbewusstsein zurückgegeben, aber die Vision fehlte. Narkevičius sieht seine Suche nach einer Vision als typisches Bestreben einer postkommunistischen Gesellschaft. Auf unbekanntem Gebiet muss eine Zukunft zusammengebastelt werden, indem man unter den Trümmern der Vergangenheit Phänomene erforscht, die hinter der Ideologie versteckt geblieben waren.
Deimantas Narkevičius wurde 1964 in Utena, Litauen geboren und lebt und arbeitet in Vilnius, Litauen. Internationale Anerkennung erfuhr er 2001 als er sein Heimatland an der 49. Biennale von Venedig vertrat. Trotz seiner Ausbildung im klassischen Medium der Bildhauerei arbeitet Narkevičius mit Film und Video oder Installationen. Skulptur und Architektur blieben aber vor allem in ihrer Konnotation als Monument ein Interessensgebiet des Künstlers. Ausgangspunkt der Arbeit The Head (2007) war Narkevičius’ Interesse an der Formsprache einer ideologisch verpflichteten Kunst. Frei von ihrer politischen Signifikanz untersucht Narkevičius den Einfluss des Denkens und Glaubens einer Gesellschaft auf ihre Formentwicklung und Umgebungsgestaltung. Entsprechend zeigt der Film Energy Lithuania (2000) die Architektur eines Elektrizitätswerks als Installation und Manifestation industriellen Denkens und setzt sich mit der positivistischen Romantik dieser Ideologie auseinander.
Eine verlassene Raketenbasis in Litauen ist die Kulisse des Films The Dud Effect (2008), in dem Narkevičius den potenziellen Abschuss einer R-14 Rakete nachstellt. Auch wenn diese Waffe während des Kalten Krieges nur eine Drohung von beiden Seiten blieben, sieht der Künstler
Aufklärungsbedarf. Inspirierte hatte ihn der Film The War Game (1965) des britischen Filmemachers Peter Watkins, der die kollektive Besorgnis der westlichen Welt angesichts der Möglichkeit eines atomaren Angriffs zu Thema hatte. Im früheren Ostblock war Narkevičius zufolge wenig von dieser Angst zu spüren und er sieht darin das fehlende Interesse an der Aufarbeitung begründet, das er mit dem Film aufzuholen versucht. Peter Watkins, der einige Zeit in Litauen lebte, wurde von Narkevičius für den Film A Role of A Lifetime (2007) interviewt. Entgegengesetzt zu Watkins’ Aussagen über den Dokumentarfilm kombiniert Narkevičius das Interview mit Bildern aus einem Vergnügungspark und einem Amateurfilm der englischen Seestadt Brighton. Die Montage fragt nach dem Verhältnis von Repräsentation und Dokumentation, Subjektivität und künstlerischer Verantwortung. Auch Legend coming true, der Film, der 2001 auf der Biennale gezeigt wurde, bedient sich dreier Erzählebenen. Die Geschichte einer Holocaust-Überlebenden des Jüdischen Ghettos von Vilnius wird mit einer romantischen Geschichte über die Stadt Vilnius und einem jiddischen Lied kombiniert.
Aber Narkevičius verwendet Found-Footage-Material nicht einfach nur, um den Repräsentationsgehalt des dokumentarischen Arbeitens per se zu befragen. Zugleich erinnern die Bilder an die Schöpfungen eines inspirierten Malers. Dabei scheut sich Narkevičius nicht, auch eine ‚nostalgische’ Atmosphäre zu erzeugen und seinen Filmen Subtexte zu unterlegen, welche in unserer auf kulturelle Selbstvergewisserung bedachten Zeit die ‚was-wäre-wenn’-Frage zu stellen wagen. Er zeigt die Traditionslinien möglicher Narrative auf, die tatsächliche Fragmente in unserer Wahrnehmung der Geschichte strukturieren. Der 16mm-Film Europa 54°54’-25°19” (1997) zeigt eine Kamerafahrt, die im ehemaligen Haus des Künstlers beginnt und durch die Stadt zum geografischen Zentrum Europas führt. Dass sich die Mitte Europas in Litauen befindet, gehört zur Allgemeinbildung eines jeden litauischen Staatsbürgers und stellt ein kurioses Phänomen in der Ideologie des jungen Litauens dar.
Deimantas Narkevičius – The Unanimous Life ist das Resultat einer Zusammenarbeit zwischen dem Museo Reina Sofia in Madrid, dem Van Abbemuseum Eindhoven, der Kunsthalle Bern, dem Hessel Museum des Bard College, New York und der National Gallery of Art, Vilnius. Die Ausstellung wurde von Chus Martinez kuratiert und für Bern von Philippe Pirotte adaptiert.
Ein umfangreiches Buch zeigt Hintergründe zu Deimantas Narkevičius’ bemerkenswertem Filmschaffen auf und enthält Texte von Manuel J. Borja-Villel, Philippe Pirotte, Chus Martinez, Christa Blümlinger, Boris Buden, Gerald Raunig und Dieter Roelstraete.