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Amelie von Wulffen

25. Mai – 14. Juli 2019

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„Hast du schon House of Cards gesehen?“ Das Abtauchen in die Serienwelten des Internets hat sich längst zur Normalität entwickelt. Zu jeder Zeit ist es möglich, sich in eine der virtuellen Parallelwelten hinüberzuschalten, um sich in deren Geschichten fallenzulassen. Zwar handelt es sich bei den Serien um Fiktionen, doch viele davon scheinen erstaunlich nah an dem, was gerade in der Welt passiert. Der Rückzug in diese erfundenen Fortsetzungserzählungen ist meist komfortabler, als sich durch das Gespräch über unbekömmliche Tagesereignisse den Abend verderben zu lassen.

In den Bildern Amelie von Wulffens schieben sich ferngesehene Fiktionen, Selbsterlebtes und die Möglichkeiten der Malerei ineinander. Ihr Potenzial als Technik und Kunstform, auch ihrer als minderwertig geltenden Spielarten, wird ausgelotet. In von Wulffens Umgang mit der Malerei entfalten sich überraschende Bildwelten voller Abgründe, die jedoch selbst dort, wo sie das Fantastische streifen, der Realität verpflichtet bleiben.

In einigen ihrer Arbeiten aus dem Jahr 2018 nimmt Amelie von Wulffen Bezug auf die Präsenz serieller Erzähl-Ströme, die einen von der Welt, in der man sich bewegt, abkoppeln und zugleich mit ihr verbinden. Fratzenhaft wirken die Köpfe in dem Bild Hast du schon House of Cards gesehen? (2018), eine abstrakte und irrsinnige Psycho-Kopflandschaft, die einen bespuckt. Der Kinderkopf steckt sich, wie um den Würgereflex herbeizuführen, Finger in Mund und Nase. Den ruhenden Ankerpunkt im wimmelnden Geflimmer stellt ein Ausschnitt aus einem historischen Stillleben dar. In den Faltungen eines Tischtuchs liegt eine glänzende Traube. Stillleben zeigen die Dinge, wie sie aussehen, aber in übersteigerter Darstellung. Sie behaupten Realität durch deren Übertreibung. Die Lust an der Illusion und am Symbolismus lässt das Dargestellte in vielen Bildern von Amelie von Wulffen überzeichnet, grotesk, manchmal unheimlich wirken. In anderen Bildern blicken wir auf Mädchenfiguren, die auf dem Notebook Serien wie «Im Todestrakt» anschauen. Manchmal Eiscreme verzehrend, verkörpern sie keine Unzufriedenheit, doch wirken sie wie von Lethargie und Passivität erfasst. In ihrer Abkoppelung entziehen sich die Figuren der Kontaktaufnahme mit ihrer Umgebung.

Wie voyeuristische Zeitreisende blicken wir auf Tischgesellschaften mit Figuren aus einer unbestimmten Vergangenheit. In den braun gemaserten Innenräumen entfaltet sich die Atmosphäre des Eingesperrtseins in einem Schweigen. Was man zu erkennen glaubt, ist weniger die Fantasie einer rustikalen Intaktheit als das Beklemmende des Verlogenen. Sicher kann sich der Blick aber nie sein. Eindeutig scheint hier wenig.

Amelie von Wulffen hat sich in mehreren Bildern mit dem Motiv einer vergangenen, bäuerlich geprägten Gesellschaft beschäftigt, die sich im süddeutschen Raum lokalisieren lässt, der Herkunftsregion der Künstlerin. Die von der Erwachsenenwelt getrennt und im selben Moment mit ihr verbunden wirkenden Kinderfiguren in den Bildern lassen an jene Gespenster aus der Vergangenheit denken, deren Monstrosität den Jüngeren, die diese nur aus der Erzählung kennen, immer ein wenig unwirklich bleibt.
Vorstellungen des sich Verbunkerns oder Eingesperrtfühlens in der Familie, der Kultur und der deutschen Geschichte zeigen sich nicht nur in den Interieurs der Malereien, sie finden auch auf den bemalten Möbelstücken statt, etwa den Bauernschränken. Die rustikalen Holzoberflächen überzieht von Wulffen mit Abfolgen von Netflix-Stills und vergreift sich so malerisch an einem symbolisch aufgeladenen Erinnerungsstück, das einst als Mitgift für das Haus verlassende Töchter diente.

Aus dem Zustand des Eingeschlossenseins in die Vergangenheit, die eigene Biografie, aber auch die Kunstwelt sucht von Wulffen durch die Malerei Fluchtlinien und Ausbrüche. So ernsthaft die Anliegen von Amelie von Wulffen sind, verliert sie sich nie in beschwerter Bedeutsamkeit. Die Arbeiten nehmen durch fantastische Formfindungen eine leichtfüßige, humorvolle Distanz zum Repräsentierten ein. Ihre Comics wie Am kühlen Tisch (2014) und ihre Gemüse- und Früchte-Aquarelle (2011–2013 sind verwegen und gleichzeitig höchst vergnüglich. Oft nimmt die Künstlerin Bezug auf Bilder, Motive und Malstile, die zum Kanon gehören.

Von Wulffen scheint nicht nur eine Faszination für historische Künstler wie Caillebotte, Goya, Cézanne und Dürer zu empfinden, sondern auch eine selbstbewusste Lust daran, sich neben diese malenden Männer zu stellen, sich deren Malstile anzueignen, um daraus ihre eigene Bildpraxis zu entwickeln.

Ihre Bilder sind alles andere als schnell gemalt, mögen sie auch manchmal so tun. Die Dichte der Motive und die vielschichtigen malerischen Bewegungen lassen Zeit beanspruchende Vorgänge des Befragens und Ringens erahnen, die sich beim Suchen und Finden der Bilder auftun. Eine solche Arbeitsweise kann aus der Zeit gefallen wirken, jedoch nicht im Sinne von antiquiert, vielmehr lassen sich Amelie von Wulffens Bilder nur schwer einer bestimmten Gegenwart zuordnen.

AMELIE VON WULFFEN (*1966, Breitenbrunn) hatte unter anderem Einzelausstellungen bei Reena Spaulings, New York (2018), im Studio Voltaire, London (2017), in der Galerie Barbara Weiss, Berlin (2016), in der Pinakothek der Moderne, München (2015), im Portikus, Frankfurt (2013), im Aspen Art Museum, Aspen (2012), bei Alex Zachary, New York (2011), im Kunstverein Düsseldorf (2006), im Centre Pompidou, Paris (2005) und im Museum für Gegenwartskunst, Basel (2005). Ihre Arbeiten wurden bei der Manifesta 5 (2005), bei der 50. Venedig Biennale (2003) und bei der 3. Berlin Biennale (2003) gezeigt. Das Werk der Künstlerin ist in einigen der wichtigsten internationalen Sammlungen vertreten: Im MoMA, New York, im Museum of Contemporary Art, Los Angeles, im Städelmuseum, Frankfurt, in der Pinakothek der Moderne, München, im Centre Pompidou, Paris, im Hammer Museum, Los Angeles, in der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, im Fonds régional d’art contemporain, Auvergne sowie im Museum für Neue Kunst, Freiburg.

*Die Kunsthalle Bern dankt der freundlichen Unterstützung der Kultur Stadt Bern sowie dem Bundesamt für Kultur. Die Ausstellung wird unterstützt durch den No Leftovers-Fonds, die Rudolf Augstein Stiftung
und die Ruth & Arthur Scherbarth Stiftung.

Bilder: Installationsansichten, Kunsthalle Bern, 2019. Fotos: Gunnar Meier

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